Donnerstag, 9. September 2010
AMERICA'S CUP
Spektakel wartet auf den Startschuss
Endlich geht es aufs Wasser statt in den Gerichtssaal: Nach jahrelangem Streit treffen sich Titelverteidiger Alinghi und Herausforderer BMW Oracle zum Segeln vor Valencia. Es geht um den 33. America's Cup. Das Magazin "Segeln" erläutert die Gründe des Disputes und den Status Quo.
Für den heutigen Montag um exakt um 10.06 Uhr war der erste Startschuss für den 33. America's Cup geplant. Doch der Termin wurde wegen schwacher und unregelmäßiger Winde verschoben. Wann auch immer der Startschuss fällt, er bezeichnet das vorläufige Ende eines beispiellosen Streits zwischen den beiden Milliardären Ernesto Bertarelli und Larry Ellison. Eines Streits, der seit zweieinhalb Jahren die Segel-Welt lähmt. Der hunderte Segelprofis in die Arbeitslosigkeit schickte. Und der die beiden Teamchefs jeweils geschätzte 200 Millionen Euro kostete. "Ja, es ist ein teures Hobby", bestätigte Ellison mit einem Schmunzeln bei seinem jüngsten Auftritt vor der Presse in Valencia.
Alinghi vs. BMW Oracle: Giganten auf See
Ihm tut es nicht weh. Das Vermögen des 65-jährigen Oracle-Bosses wird auf rund 22 Milliarden US-Dollar (circa 16 Milliarden Euro) beziffert. Er ist viertreichster Mann der Welt und deshalb einer der wenigen, die dem Schweizer finanziell Paroli bieten können. Bertarelli verkaufte 2007 sein Biotech-Unternehmen Serono für rund zehn Milliarden Euro.
Beim America's Cup darf der Sieger die Regeln für den nächsten Cup bestimmen. So steht es in der 1851 verfassten Stiftungsurkunde, der "Deed of Gift". Er sollte sich darüber mit dem ersten Herausforderer, dem "Challenger of Record", einvernehmlich einigen. Das hat meistens gut funktioniert. Ellison war für den Cup 2007 auch "Challenger of Record". Und Verteidiger Bertarelli gestaltete zusammen mit ihm Regeln, die zwölf Herausforderer-Syndikate, erstmalig auch ein deutsches, zu einem begeisternden Segel-Fest nach Valencia brachten.
Nach der Titelverteidigung musste Bertarelli erneut die Regeln für den nächsten Cup festlegen. Er war euphorisch, wollte die Regatta noch größer, noch besser machen und als eines der wichtigsten Sportevents der Welt etablieren. Diesen guten Willen im Sinne der Sache möchte man dem eingefleischten Segel-Fan gerne glauben. Er sagt selbst, die guten Absichten seien einfach nur schlecht kommuniziert worden.
Die 1851 festgelegten Regeln sind so alt wie unklar
Larry Ellison und viele andere glaubten nicht an die hehren Motive. Denn Bertarelli benannte einen neu gegründeten spanischen Club als Challenger of Record und bestimmte mit diesem Papiertiger neue, sehr zweifelhafte Regeln. Ellison zog vor das New Yorker Gericht, das für die "Deed of Gift" zuständig ist, und bekam Recht. Der spanische Verein wurde für unrechtmäßig erklärt und BMW Oracle als neuer Challenger of Record eingesetzt.
Die Stiftungsurkunde besagt: Wenn sich die Parteien nicht auf Regeln einigen, wird nach den in der "Deed of Gift" festgelegten Regeln von 1851 gesegelt. Aber die sind so alt wie unklar. Wenn sich die Parteien nicht auf die Interpretation bestimmter Passagen einigen konnten, riefen sie das Gericht für die Klärung an. Das kostete Zeit und viel Geld für Anwälte. Seit dieser Prozess für den 33. Cup startete, ging es nicht mehr um gut und böse, sondern darum, die eigene Ausgangsposition für das Match zu verbessern. Die gegenseitigen Vorwürfe wurden immer lauter, dienten aber dazu, das Gericht von der eigenen Position zu überzeugen.
BMW Oracle arbeitete an dieser Front deutlich effektiver. Die Mehrzahl der Gerichtsbeschlüsse stärkte ihre Position. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass die Amerikaner ab Montag eine echte Chance haben.
Denn die "Deed of Gift" spricht dem Verteidiger Vorteile zu, die einen Herausforderer chancenlos machen können. Auch deshalb dauerte es 132 Jahre, bis 1983 die Australier erstmals den Cup aus Amerika entführen konnten. Der Herausforderer muss beispielsweise zuerst erklären, mit welchem Boot er antritt. Der Verteidiger bestimmt später Zeit und Ort, muss auch erst dann bekannt geben, mit was für einem Boot er segeln wird. Er kann es also genau den von ihm geplanten Bedingungen anpassen, während der Herausforderer noch nicht weiß, ob bei Starkwind oder Schwachwind gesegelt wird.
Genau das ist passiert. Alinghi hat einen Leichtwind-Katamaran für Rennen im Emirat Ras al Kaimah gebaut. BMW Oracle musste sich dagegen bei der Wahl seines Bootes auf Allround-Bedingungen einstellen. Als die Renn-Vorgaben von Alinghi immer konkreter wurden, passten die US-Ingenieure ihr Boot so gut wie möglich an. Es wurde permanent umgebaut und erhielt zuletzt den spektakulären Flügel, mit dem die Amerikaner statt eines konventionellen Segels antreten.