Freitag, 10. September 2010
ANTI-EURO-SPEKULATION
Zocken ist gerecht
Ein Gastbeitrag von Hans-Peter Burghof
Die griechische Regierung hat über Jahrzehnte Geld verschwendet. Trotzdem sollen plötzlich Spekulanten schuld sein an der Krise des Landes. Eine krasse Fehleinschätzung. Spekulanten werden nur gehasst, weil sie uns die Wahrheit sagen.
Wenn etwas schiefgeht, braucht man Schuldige. Unbedingt. Menschen, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Denn sonst könnte irgendjemand auf die dumme Idee kommen, man sei selbst mit schuld.
Dieser allgemeine Grundsatz gilt besonders für die Politik. Dies wird in diesen Tagen am Umgang mit der Griechenland-Krise deutlich. Die griechische Regierung hat weit mehr Schulden gemacht, als gesund ist, darauf reagieren die Märkte und die Zinsen für griechische Staatsanleihen steigen. Eigentlich ein normaler Vorgang. Trotzdem soll die Verantwortung nicht bei der griechischen Regierung liegen. Sondern bei den Spekulanten. Die reiten angeblich eine Finanzattacke gegen Athen. Gäbe es die bösen Spekulanten nicht, dann wäre in Griechenland alles in Ordnung - könnte man meinen, wenn man so manchem Kommentator glaubt.
Das Schimpfen auf die Spekulanten ist ein Volkssport. Warum ist das so? Weil sie zu viel verdienen, und dies mit dem Unglück anderer? Vielleicht. Aber andere verdienen auch viel Geld: Die allseits beliebten Casting-Shows sind zum Beispiel ein gigantisches Geschäft, das auf dem Leid und der Blamage anderer Menschen aufgebaut ist.
Was also ist das Besondere an den Spekulanten? In den Augen der braven Bürger sind sie vaterlandslose Gesellen. Häufig - und wohl nicht ganz zufällig - sind sie Fremde in der jeweiligen Gesellschaft. Sie versuchen, die Welt zu sehen, wie sie ist, und nicht, wie wir sie gerne hätten. Das ist die Grundlage ihres Geschäfts: Sie lüften durch ihr Handeln an den Märkten den Schleier aus Konvention, öffentlicher Moral und Ideologie, mit dem wir die Realität gern überdecken.
Deshalb hassen wir sie umso mehr, je hässlicher das Antlitz dieser Realität ist. Immer dann geht ein Donnerwetter über die Spekulanten nieder, wenn eine Gesellschaft sich ihre Lebenslügen nicht rauben lassen will.
Dabei spekulieren auch wir Normalbürger. Wir spielen Lotto, übrigens im Unterschied zur Spekulation am Kapitalmarkt ohne jeden positiven Nebeneffekt. Und gelegentlich versuchen wir uns auch an der Börse. Der eine oder andere ist im Nebenberuf zum Daytrader geworden.